minotauruskomplex

 

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Ein Aufsatz über den Versuch einer tiefenpsychologischen Deutung eines kryptischen Mythos, sowie dessen Betrachtung im gesellschaftlichen Kontext, mit dem verblüffenden Resultat, dass sich das der Menschheit lieb gewonnene Bild vom menschenfressenden Monstrum Minotaurus, bei genauerer Betrachtung nicht aufrecht erhalten lässt. Im Gegenteil steht zu vermuten, dass die allgemein verbreitete Behandlung und Betrachtung dieses Themas in Wort, Schrift oder Bild (gegebenenfalls bewegtem Bild) eine kollektive Projektion eigener verdrängter, beziehungsweise destruktiver Persönlichkeitsanteile verkörpert.

MINOTAURUS

HEPHAISTOS LIEBER LEIDENSFREUND
WIE SCHÖN DICH HIER ZU SEHN
DU WEISST JA DASS MIR DÜSTRES DRÄUT
UND WIRST ES WOHL VERSTEHN

ALS DEN NAMEN ARIADNE ICH HÖRTE
DA WUSST ICH ES IST AN DER ZEIT
KAUM DASS ES MICH VERSTÖRTE
NICHT EINMAL ICH SELBER TU MIR LEID

DER MENSCHEN KINDER HABEN ALLE ANGST
NOCH IMMER HALLEN DER VERIRRTEN SCHREIE IN DEN DUNKLEN GÄNGEN
ABSURD ISTS WENN DU UM EIN LEBEN DAS DU NICHT HATTEST BANGST
ANGESCHMIEDET UND BEFANGEN IN INNEREN ZWÄNGEN

ERWEIS MIR EINEN LETZTEN FREUNDSCHAFTSDIENST
FEIL MEINE HUFE UND REINIGE MEIN GEHÖRN
EINZGER DUNKLER STERN DER DU MIR JEMALS SCHIENST
VON GIFTGEM BLUTE UND VERLOGENEM GEDÄRM

ES HAT ZEIT TU ES OHNE JEDE EILE
UND BÜRST MIR AUCH DAS WEISS GEWORDNE NACKENFELL
MIR BLEIBT NOCH EINE WEILE
VIELLEICHT WIRDS AUCH FÜR MICH MAL HELL

SO WIE DER WACHENDE DEN MORGEN KOMMEN SIEHT
SO SEHE ICH GESCHICKE
ICH WEISS WAS JETZT WAS BALD GESCHIEHT
IN MEINER EWGEN DUNKELHEIT ENTGEHT NICHTS MEINEM BLICKE

DER JENEM HALF DER MICH VERSTIESS
DAS WEISS ICH HEUTE SCHON
DER SICH ERSANN DIESES VERLIESS
VERLIERT BALD AUCH DEN EIGNEN SOHN

DERSELBE DURFTE WANDELN UNTER MIR UNBEKANNTER SONNE
ZWISCHEN DEN HIMMELN UND DER ERDEN WIRD ER FLIEGEN
O WELCH UNGEKANNTE WONNE
WÄHREND ICH HIER SITZ IN DIESEM LABYRINTH AUS LÜGEN

ES WAR MEIN VATER DIESER ARME TROPF
DER SICH SELBER HATTE ZEUGEN WOLLEN
DARUM BIN ICH HIER ICH HATTE MEINEN EIGNEN KOPF
DIE EWIGKEIT ER SOLL SIE HABEN ALS MAHNUNG FÜR DAS
WAS VÄTER NICHT WOLLEN SOLLEN

(Minotaurus Gedicht, Gerd Hellmood 11.Mai 2005)

Vorwort
Der nachfolgende Text beruht im Wesentlichen auf einer Urfassung die bereits im Jahr 2005 von mir niedergeschrieben wurde. Der Gedanke dazu entstand, während ausgedehnter Spaziergänge im Perlacher Forst, unweit des Harlachinger Krankenhauses, dem ich in einem Falle viel, in einem andern nichts, zu verdanken habe und der kleinen scharlatenesk-freudianischen Klinik Menterschwaige. Er erhebt keinerlei Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Das reduziert den Arbeitsaufwand um den des peniblen Quellennachweisens. Wo es wichtig erscheint, stehen hinweisende Anmerkungen. Eine vergleichbare Auslegung lässt sich im Internet nicht finden. Die Suche nach entsprechendem Material, in der Vorbereitung der vorliegenden Überarbeitung, erbrachte lediglich eine sehr zweifelhafte Deutung im Sinne des ödipalen Komplexes, herausgearbeitet von der „psychoanalytischen Wissenschaft“. Auf eine, im Internet kursierende Publikation, die die, dem Mythos innewohnende Botschaft, als Schizophrenie deutet, wird hier nicht weiter eingegangen. Offenbar wagt man oder  konkreter; vermag man, vertrautes Terrain nicht zu verlassen. In jüngerer Zeit tat sich vor allem der Münchner Psychologe und Schriftsteller Jürgen vom Scheidt mit einem interessanten Ansatz hervor, der sich aber letztlich von der Darlegung in diesem Text unterscheidet. Herr vom Scheidt tappt nämlich – wie die Meisten – in die Falle des manichäischen Weltbildes, das in seiner Schwarz-Weiß-Sicht bemüht ist, alles Übel dieser Welt – ganz wie die alten Hebräer es mit dem Sündenbock hielten – auf ein einziges schwarzes Schaf, eben den Minotaurus, zu konzentrieren. Zwischenzeitlich scheint er umzudenken. Ansonsten findet  sich darüber hinaus Umfänglicheres zur Thematisierung des Minotaurus-Mythos durch den schweizerischen Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt; unter anderem zu seiner Ballade vom Minotaurus. In diesem Zusammenhang ist von einer Umdeutung des Mythos durch den Literaten die Rede. Das ist genaugenommen so nicht haltbar, denn eine Umdeutung setzt voraus, dass überhaupt eine Deutung vorläge. Genau das ist nicht der Fall und soll hier im Folgenden unternommen werden. Dürrenmatt selbst, hatte aber auch nicht die Absicht eine tiefenpsychologische Analyse vorzunehmen.
Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass Mythen, Sagen, Legenden, als auch Märchen, Bedeutungsinhalte tradieren, die zumeist weit über den Unterhaltungswert der äusseren Form hinausgehen. Sie sind – wenn man so will –  Konserven menschlicher Erkenntnis und haben daher, wie diese zumeist auch, eine Art Vorrichtung die das Öffnen ermöglichen soll, ohne dabei das Behältnis zu zerstören. Leider tat Dürrenmatt Vergleichbares. Er deklarierte den Mythos einfach um, ohne den Inhalt in seiner Konsistenz gekostet zu haben. Es kann also von einer Umdeutung nicht die Rede sein, sondern allenfalls von einer Um-Schreibung (im Gegensatz zu „Umschreibung). Dabei hatte sein Geist die Lasche zum Öffnen des Mythos bereits erfasst. Doch machte er, wie sich zeigen wird, davon keinen Gebrauch.
Es gibt – wie sich leicht eruieren lässt – mehrere, in verschiedenen Einzelheiten voneinander abweichende Versionen der Erzählung. Diese Abweichungen weisen allerdings keine Unvereinbarkeiten auf. So heisst es in der Fassung, die hier bevorzugt wird, der Königssohn Theseus habe den Minotaurus mit bloßen Händen überwunden. An anderer Stelle findet sich, seine Verlobte Ariadne habe ihm – nebst dem später zum stehenden Begriff gewordenen „ariadnen Faden“, einem aufgewickelten Wollknäuel – auch noch ein Schwert mitgegeben, als dieser sich auf den Weg in das Labyrinth machte, in welchem der Minotaurus hauste. Wie der Leser erkennen kann, ergibt dies keinen Widerspruch zur Überwindung mit bloßen Händen, denn er kann durchaus schlicht keinen Gebrauch von der Waffe gemacht haben. Ariadne soll diese Gegenstände ihrerseits vom Erbauer des Labyrinths, Daidalos, bekommen haben. In einer Variante des Mythos ist von einem dritten Gegenstand die Rede, nämlich von einer kleinen Kugel (Pille?), die aus Pech und Pferdehaar bestanden haben soll. Ein antikes Placebo? Dieser Frage wird hier nicht weiter nachgegangen.

In den unterschiedlichen Fassungen ist hier von sieben Jungfrauen und sieben Jungmännern die Rede, die neun Jahre lang jährlich als Opfer-Tribut auszuliefern waren, dort von sieben Jungfrauen und sieben Jungmännern, die alle neun Jahre (lt. Gustav Schwab) herbeizubringen waren. Letztlich ist es fast einerlei, welcher Variante der Vorzug zu geben ist. Es wird sich nämlich zeigen, dass es vielmehr auf die Zahl Sieben ankommt. Um den Einstieg zu vereinfachen, lasse ich an dieser Stelle, eine Zusammenfassung, des für die Deutung wesentlichen Inhalts, des Mythos folgen. Details werden weiter unten in der exegetischen Analyse zur Sprache gebracht.

Der Mythos vom Minotaurus
Der sagenhafte König Minos auf Kreta erbat sich einst von den Göttern (explizit Poseidon), sie mögen ihm doch – zur Bestätigung seiner Herrschaft – einen weißen Stier aus dem Meer aufsteigen lassen. Er, Minos, würde diesen Stier im Gegenzug umgehend den Göttern zum Opfer darbringen ( was in diesem Kontext übrigens nicht Schlachtung bedeuten muss, sondern die Oberhand in der Persönlichkeitsbildung des Kindes). Die Olympier zeigten sich daher Minos gewogen: „Poseidon, das ist dein Zuständigkeitsbereich, also mach mal!“ Minos Wunsch wurde erfüllt. Doch angesichts der Kraft und der Pracht des aus dem Meer gestiegenen (schaumgeborenen!) weißen Stieres, brach Minos sein Versprechen. Statt diesen zu opfern, fügte er ihn seiner Herde zu und opferte an dessen Stelle einen anderen Stier. Die Götter erkannten den Betrug und sannen auf Rache. So folgte der Ratschluss, demzufolge Poseidon sehnsüchtiges sinnliches Verlangen nach dem Stier in Pasiphae, des Minos Gattin erweckte. Doch so sehr sich auch das Verlangen zu leidenschaftlichem Begehren in Pasiphae steigerte; der Stier zeigte keinerlei Neigung, es zu stillen. Erst nachdem Pasiphae den ingeniösen Baumeister Daidalos um Rat und Hilfe ersucht und dieser ihr eine künstliche Kuh aus Balken, Ästen, Weidengeflecht und Fell angefertigt hatte, in die sie hineinschlüpfen konnte, kam es zur herbeigesehnten Vereinigung mit dem Stier. Diese blieb nicht folgenlos und so gebar nach entsprechender Zeit, Pasiphae die Königsgattin den Minotaurus, jenes Hybridwesen, ausgestattet mit dem Kopf eines Stieres und dem Körper und den Gliedmassen eines Menschen. So einen Nachkömmling konnte man der Öffentlichkeit natürlich nicht präsentieren und so wurde abermals der antike Leonardo Daidalos zu Rate gezogen, wie denn nun der Missgestaltete zu verbergen sei; nachdem dessen ältere Schwester Ariadne schon mit Erfolg Minos erfleht hatte, den Minotaurus nicht zu töten. Der Baumeister erdachte und erbaute daraufhin jenes Labyrinth, in dem er (der Minotaurus) bis zu seinem Ende verbannt blieb. Jährlich (alle neun Jahre macht wenig Sinn) wurden ihm sieben Jungfrauen und sieben Jungmänner geopfert, die er – so will es die Sage – gefressen haben soll. Nachdem Minos die Athener in einem Rachefeldzug wegen seines getöteten leiblichen Sohnes Androgeos, vernichtend geschlagen und unterworfen hatte, hatten diese für einen Zeitraum von neun Jahren den Opfertribut in Form ihrer Kinder als Reparation zu entrichten. Im dritten Jahr der Opferungen wurden die Athener unwillig. Um einen Aufruhr zu vermeiden, begab sich Theseus, der Sohn des attischen Königs Aigeus, unter die Opfer und schiffte sich für die Reise nach Kreta ein. Dort lernte er die Minos-Tochter Ariadne kennen. Ariadne verliebte sich in ihn. Als es an ihm war, geopfert zu werden, gab sie ihm jenes Wollknäuel und das Schwert, welche sie von Daidalos erhalten hatte, mit auf den Weg in das Labyrinth. Theseus spulte auf der Suche nach dem Minotaurus das Knäuel ab und fand mit Hilfe desselben den Weg wieder hinaus, nachdem er den Minotaurus gefunden und mit bloßen Händen überwunden hatte. Gemeinsam mit den übrigen Gefährten und Ariadne, verließ er per Schiff Kreta, nicht ohne vorher sämtliche Schiffe der minoischen Flotte leck geschlagen zu haben. Bei einem Zwischenstopp ließ er Ariadne und die Gefährten auf der Insel Naxos zurück. Als sich sein Schiff Athen näherte, vergass er das vereinbarte Zeichen, die weißen Segel zu setzen. Sein Vater König Aigeus, der das Schiff mit seinen schwarzen Segeln nahen sah, glaubte an einen unglücklichen Ausgang der Reise und stürzte sich vor Gram von den Klippen.

Die exegetische Analyse
Fragt man nun, was dieser Mythos zu bedeuten hat, muss man versuchen, einen Zugang zu finden. Eine Möglichkeit, an die konservierte tiefe Erkenntnis die er zum Inhalt hat, zu gelangen. Es geht also zunächst, wie im Vorwort bereits gesagt, um die Vorrichtung zum Öffnen der „Konserve“. Daß Dürrenmatt sie in seiner Minotaurus-Ballade bereits entdeckt, aber nicht erkannt hatte, geht aus der Stelle hervor, an der er (hinzufügend) beschreibt, wie der Minotaurus – ohne richtig zu begreifen – die Nacht bei einem getöteten Opfer verbringt und am Morgen zusieht, wie die Vögel es fressen. (Dürrenmatts Ballade spielt in einem Spiegelkabinett und erinnert daher sehr an Hermann Hesses Erzählung vom Steppenwolf) Der Minotaurus frisst also sein Opfer nicht! Einem klar denkenden Menschen wie Dürrenmatt kann es nämlich nicht eingängig sein, wieso ein Mischwesen , halb Mensch – halb Stier , Fleisch fressen sollte. Bovidae, zu Deutsch: Rinderartige, sind Vegetarier. Im Oberkiefer haben sie weder Eck-, Reiß-, noch Schneidezähne. Genau dieser Umstand aber ist die bereits erwähnte Lasche zum Öffnen, die Dürrenmatts Geist zwar erfasst hatte, aber nicht zu gebrauchen wusste. Dürrenmatt erkennt  den Haken an der Geschichte; doch eben der greift bei ihm nicht. Er erfindet diese Szene hinzu und macht schließlich aus dem Minotaurus einen tumben Woyzeck. Wer der Unmöglichkeit dieses Mischwesens in seiner Vorstellung dennoch begegnet, der glaubt auch alles weitere und missachtet den gesunden Menschenverstand. An dieser Stelle sei erstmals auf das sog. Rosenhan Experiment ( https://de.wikipedia.org/wiki/Rosenhan-Experiment) verwiesen. Und doch ist gerade hier der Einstieg, denn hier müsste man sich sagen: Moment mal, das ist nicht der dichterischen Freiheit geschuldet, das hat etwas zu bedeuten! Wir lassen uns allein schon von der Monstrosität des kolportierten Erscheinungsbildes des Minotaurus erschrecken und einschüchtern. Wir glauben deshalb von da an alles Weitere. Keinesfalls wollen wir in dieses Labyrinth, um nach der Wahrheit zu suchen, denn wir wurden „wissend“ gemacht, es ist so angelegt, dass man nicht mehr hinauskommt. Und nun wird es interessant. Wenn dem aber so ist, dass man unweigerlich in die Irre geht, ist es da verwunderlich, dass nie jemand wieder herausfand? Und mehr noch:
Beweist denn das, dass der, der nicht mehr hinausfand, dem Minotaurus zum Opfer fiel, dass er oder sie von einem Grasfresser verspeist wurde, wie ein Büschel Heu?
Der Minotaurus hat niemanden getötet. Aber er wird verantwortlich gemacht, für die, die in diesem Labyrinth seelisch verhungert und verdurstet sind. Dabei ist er in Wahrheit nichts Anderes, als ein Synonym für Dieselben.
Spätestens nun sollte man neugierig sein, auf das, was sich tatsächlich hinter der Geschichte verbergen könnte. Und wir ahnen es schon, auch hinter dem Ödipus-Mythos verbarg sich mehr als man lange dachte; nämlich zunächst der von Sigmund Freud entdeckte, gleichnamige, neurotische Komplex. (Ganz nebenbei:  Könnte Freud sich ähnlich geirrt haben wie Columbus, der zwar auch etwas entdeckt hatte; aber eben nicht Indien, wie von ihm vermutet? Erstaunlicherweise, liess sich von C.G.Jung die gegengeschlechtliche Variante, nämlich der Electra-Komplex ebenfalls in der Sagenwelt der alten Griechen ausfindig machen. Gehen wir also nicht allzu leichtfertig davon aus, dass Freud sich der griechischen Mythologie lediglich bedient hatte, um eine „allgemein verbreitete“ Metaphorik für das von ihm Entdeckte zur Hand zu haben. Dafür gehörte der Mythos des Ödipus – zumindest seinerzeit – zu wenig zu den in der Allgemeinbildung verbreiteten Sagen. Anders verhält es sich da schon mit der Horrorgechichte des Minotaurus. Gestatten wir uns daher  zumindest die Frage, ob die Geschichten aus der antiken Götterwelt nicht letzten Endes weit weniger mit Religion zu tun haben, denn mit Psychologie. Ob sie nicht sogar eigentlich ein Kompendium psychologischer Fallbeispiele darstellt.
Man muss um dahinter zu kommen, eine Gabe für das Verständnis von Symbolen und Analogien haben, zumindest sollte man bereit sein, sich sehr weit verknüpfte Assoziationen aus gebührendem Abstand aufzeigen zu lassen, bis ein Muster oder Konturen erkennbar werden. Glücklicherweise las ich kürzlich ein Buch der Psychoanalytikerin Karen Horney, deren Terminologie, so trefflich wie eingängig ist, dass ich sie in dieser Überarbeitung, der 2005 entstandenen Urschrift sehr gut verwenden kann.
Ausgangspunkt des Minotaurus-Mythos ist, wie beinahe stets in den griechischen Mythen, ein Akt des Frevels, begangen im Zustand der Hybris. In Horneys Sprachgebrauch: in masslos überhöhtem neurotischen Stolz. Im durch die göttliche Bestätigung ausgelösten Machtrausch, vergisst Minos nämlich leichtfertig jedwede angemessene Demut. Nicht der Frevel selbst – der Betrug mit dem Stier – ist das Verachtenswerte. Es ist die Haltung die dahintersteckt. Hybris war den alten Griechen ein Verbrechen, das mehr noch, als der Muttermord geächtet war. Um den Minotaurus-Mythos aber zu verstehen, um seine erstaunliche Aussage erkennbar werden zu lassen, muss man sich bewusst machen, dass die gesamte, von der Vielfältigkeit ihrer Symbolik durchwirkte Erzählung, letztlich ein Vehikel ist; ersonnen, um den zentralen Konflikt zu tradieren. Ganz so, wie dem Falken in Boccaccios gleichnamiger Novelle, kommt in der Minotaurus Sage dem Stier-Symbol die Schlüsselrolle für das Gesamtverständnis desMythos zu.  ( https://de.wikipedia.org/wiki/Dingsymbolus ). Angesichts der Notwendigkeit der semantischen Stringenz im Kontext, ist es durch kein anderes Symbol ersetzbar. Ginge es tatsächlich um das Fressen der Opfer, hätte man ein Fabelwesen, halb Mensch – halb Löwe ersinnen können.
Doch die minoische Hochkultur war nun einmal nicht durch Jagd geprägt, sondern durch Ackerbau und Viehzucht. In einer solchen Gesellschaft ist der Besitz eines Stieres wie dem am Anfang im Mythos beschriebenen, nicht nur Grundstock zu einer Herde, sondern eben auch ein Status-Symbol. Ein solches Tier in der Herde zu haben, war gleichbedeutend dem Lamborghini in der Remise, heutigen Tages. Eine bezeichnende Parallele ist der angreifende Stier im Emblem besagter Automarke. Es handelt sich nebenbei, um eine erstaunliche Koinzidenz, dass dieser Sportwagen-Hersteller ursprünglich Landmaschinen fertigte.
Minos Triebfeder war also nicht der Wunsch nach Legitimation zu gerechter, ausgleichender Herrschaft, sondern hohle Prunksucht und Eitelkeit, Hochmut und Anmassung, die ihn sich selbst, als gar noch über den Gottheiten stehend, sehen liess. So entschied er sich für die Attitüde, für die der Stier symbolischer Ausdruck ist, statt für die gebotene Demut, angesichts des ihm erwiesenen Vertrauens. Man frage sich, wie viel das mit heutigen Politikern und Machthabern zu tun hat.
Um diesem Menschen, der sich längst mit seiner Attitüde identifizierte nahe sein zu können, um ihre Rolle als First Lady und Gebärerin eines Thronfolgers auszufüllen, musste seine Gattin Pasiphae ihr Selbst verleugnen, mehr noch; sie musste für ihre Rolle sogar in die Kuhhaut schlüpfen, um sie zu behalten. Abermals gerät damit Daidalos ins Blickfeld und zwar in der Rolle des Typberaters. Die Nähe zum Modemacher muss dabei nicht noch herausgearbeitet werden. Was wir aber aus dem soweit Festgestellten sagen können, ist die kaum mehr zu leugnende Wahrheit, dass der Minotaurus in der Tat der leibliche Sohn des Minos ist. Man könnte daher auch sagen, dass dieser Mythos eben auch der versinnbildlichte wütende Ausruf eines unfähigen Vaters ist, dem nichts recht zu machen ist, der da lautet: „Das ist nicht mein Sohn!“ oder „Der kann nicht von mir sein!“
Denn er kann jenen, in seiner, von der grenzenlosen Selbstüberschätzung der eigenen Göttlichkeit eingetrübten Wahrnehmung, nicht als solchen anerkennen. zumal der Minotaurus keine Anstalten gemacht haben dürfte, seinem Vater gleich zu kommen. Er hat im Grunde seine Eltern durchschaut und verachtet sie, an der Grenze zu seinem Inneren, seinem gesunden Kern. Instinktiv weiss er, dass die unausgesprochene Forderung des Vaters, nämlich ausgerechnet  „Ihm“, dem Frevler gleich zu sein, nichts anderes ist, als dessen Wunsch, sich im Sohn zu spiegeln in der Aufgeblasenheit, die er selbst für Grösse hält. Was als pathologisches Gegenteil zu der Freude daran, Züge von sich selbst in seinen Kindern wieder zu erkennen ist, ohne diese durch Zwang oder Forderung evoziert zu haben. Er hatte sich, um es mit einer Zeile des vorangestellten Gedichts zu sagen, selber zeugen wollen. Wäre Daidalos zu seiner Zeit der fragwürdigen Kunst des Klonens mächtig gewesen, so hätte er in wissenschaftlicher Skrupellosigkeit auch dafür zur Verfügung gestanden. So aber, zumal wir uns in einem antiken Psycho-Drama befinden, musste er, wie wir noch sehen werden „therapeutisch“ tätig werden, um die Sache, für die ihn Minos mittlerweile verantwortlich machte, gerade zu biegen.
Es sollte sich langsam heraus kristallisieren, dass auch das Erscheinungsbild des Minotaurus, symbolhaften Charakters ist. Es versinnbildlicht Dickköpfigkeit, Sturheit, Eigensinn und Eigenwille. Diese Worte sind bewusst gewählt, um das Bild das uns sinnverstellend vom Minotaurus entworfen wurde und eingängig sein soll, in deskriptiver Weise wieder zu geben. Ist man aber schon einmal soweit gelangt, im Minotaurus eben kein Monstrum sehen zu wollen, weil es schon mal nicht stimmt, nicht stimmen kann, dass er seine Opfer frisst und auch wohl nicht stimmt, dass er die Opfer überhaupt annimmt, dann könnte man die oben genannten Eigenschaften auch positiv ausdrücken, nämlich als Beharrungsvermögen, Zähigkeit, Individualität und Selbstbewusstsein. Doch gerade an letzterem gebricht es ihm. Denn er konnte sich seines Selbst gar nicht bewusst sein, wenn ihm seine Eigentümlichkeit immer wieder in der genannten verzerrten Form vorgehalten wurde. Es ist eben nicht so, wie Dürrenmatt es formulierte, dass er nicht zum Du findet, sondern schlimmer noch, er findet nicht zu sich selbst. So gesehen sind und bleiben Dürrenmatts Anstrengungen nichts als ein Fragment, das sich ähnlich, wie Goethes Farbenlehre, nicht in die Realität einfügen, nicht einpassen lässt. Was aber steht dem Minotaurus im Wege, wenn er zu sich selbst gelangen will? Kurz und bündig, sein neurotischer Stolz, um es mit den Worten Karen Horneys auszudrücken.
Wir erkennen nun also, dass es sich auch beim Minotaurus-Mythos um ein Fallbeispiel einer seelischen Erkrankung handelt. Und zwar um eine sehr schwer wiegende Form der Neurose. Bereits die Eltern sind krank. Mehr noch, es handelt sich bei beiden um das Königspaar, das heisst: sie repräsentieren auch die gesamte Gesellschaft. Der Leser ahnt es vielleicht schon, die gesamte Gesellschaft ist krank. Vielleicht ist das ein Grund, warum es bis heute keine schlüssige Deutung für diesen Mythos gibt. Auch eine Gesellschaft kann, gruppendynamisch gesehen, neurotisch sein, sich vom gesunden Menschenbild weg verirrt haben. Ein weiterer Grund könnte darin zu erkennen sein, dass diese Form der Neurose noch weniger als alle anderen von außen therapierbar ist. Wie in den übrigen, genannten Beispielen sind die im Mythos auftretenden Akteure Teilpersönlichkeiten des Erkrankten oder anders ausgedrückt: Persönlichkeitsanteile.
Der Minotaurus ist das klassische Beispiel familiärer Verfemung durch Verleumdung und Unterstellung bis zur vollzogenen Stigmatisierung. Ohne jeden Rückhalt in seiner Familie, ist er von Anbeginn vogelfrei. Die Verbannung ins Labyrinth ist dabei lediglich metaphorisch aufzufassen. Er hat kein brauchbares Vorbild. Nicht in der Familie, nicht in der Gesellschaft. So gerät er in die Irre. Doch nicht nur er, sondern auch die vorgeblich ihm gebrachten Opfer geraten in die Irre, eben ins selbe Labyrinth. Sie werden von denen geopfert, die nicht im Stande sind, ein brauchbares Vorbild abzugeben. Das heute so strapazierte Wort von der Leitkultur, entpuppt sich als leere Hülse. Hier erklärt sich, warum es eingangs hieß, dass die Zahl der Opfer ungleich bedeutender ist, als der Zeitraum oder der zeitliche Abstand. Man muss nämlich wissen, dass die Zahl Sieben bei den alten Griechen die Totalität, die Gesamtheit ausdrückte. Mit anderen Worten: In einer kranken Gesellschaft gehen alle(!) Folge-Generationen in die Irre, was den Verfall sogenannter Hochkulturen erklären könnte. Vielleicht verhält es sich so, dass jeder Mythos seine Zeit hat und zu welch einer Zeit passt der Mythos vom Minotaurus besser, als zu der einer Hochkultur, die ihren Zenit überschritten hat? Schauen wir uns nur um! Die Öffentlichkeit wird beherrscht von aufgeblasenen Akteuren, von Hochstaplern, Aufschneidern und Nichtskönnern, von Schwadroneuren und Polit-Betrügern. Doch sie reagiert mit neurotischer Resignation (Couch Potatoes).

Kehren wir zurück zum Mythos. Nachdem sein Sohn Androgeos getötet worden war, überzog Minos Athen mit einem Krieg. Als Reparation hatten die Athener hernach die Opfer für den Minotaurus zu liefern. Als sich dies zum dritten Male jährte, begab sich der Königssohn Theseus unter die Opfer. Man beachte: Auch der Minotaurus ist, wie hier herausgearbeitet wurde, ein leiblicher Königssohn. Sind am Ende Theseus und der Minotaurus identisch? Die frappante Antwort lautet: Gewiss sind sie das!

Auch wenn man sie getrennt betrachtet, sind sie der Sohn eines Narzissten bzw. narzisstischer Eltern. Alle im Fallbeispiel auftretenden Gestalten sind letztlich, wie festgestellt wurde, Persönlichkeitsanteile ein und derselben Person! Wenn aber der Minotaurus und Theseus ein und derselbe sind, müssten sie schliesslich denselben Vater oder zumindest denselben Vatertypus haben. An dieser Stelle sei auf eine weitere „Ungereimtheit“ im Mythos hingewiesen. Es heisst, Theseus Vater Aigeus habe Minos Sohn Androgeos aufgefordert, den von Herkules auf den Peloponnes verbrachten kretischen Stier wieder einzufangen, da der dort grosse Verwüstungen anrichtete. (Anm.Verf.: Könnte das eine Anspielung auf den peloponnesischen Krieg sein, dessen Ursache anmassende attische Machtansprüche waren?) Konnte ein fremder König dem Sohn eines anderen Königs Anweisungen erteilen? Oder war es am Ende Minos selbst, der das tat, dabei aber nicht in Erscheinung treten konnte, weil er dadurch seine Verantwortung für das Unheil, hätte eingestehen müssen? Wir erkennen, dass seiner Hybris der Kleinmut diametral gegenüber stand. Betrachten wir nunmehr den antiken Daniel Düsentrieb Daidalos; auch er ist gleichwohl ein Persönlichkeitsanteil. Er steht sowohl einerseits für das skrupellose „every thing goes“, einer grenzenlosen Anspruchshaltung des Geistes, sowie einer von Ethik und Moral entfesselten Wissenschaft, andererseits für den scharfen analytischen Verstand des Neurotikers Minotaurus. Auch Daidalos wird – zusammen mit seinem Sohn Ikaros – ins Labyrinth verbannt. Darüber gibt es ebenfalls unterschiedliche Versionen. Der einen zufolge geschah dies als Strafe für die Mitwirkung an der Entstehung des Minotaurus, während die andere seine Beteiligung an der vorgeblichen Tötung des Minotaurus als Grund angibt. Wenden wir uns der ersten Variante zu: Daidalos wird mit seinem Sohn Ikaros ins Labyrinth geschickt, vermutlich in der Hoffnung, dass der Tausendsassa aus dem Verstockten doch noch macht, was der Vater – im genannten Fall gleichzeitig Synonym für die Gesellschaft – sich von diesem erwartet. Viel weniger als alle anderen ist die Figur des Daidalos physisch präsent. Weit mehr ist er ein Synonym. Sein Sohn ist da mehr Person, wenn auch als eher konturloser junger Mann. Denn wir können bei seinem späteren, tragischen Ende Empathie empfinden. Daidalos hingegen ist ein Übervater besonderer Art. In dem Moment, in dem er mit Ikaros das Labyrinth betritt, um den Minotaurus zu „kurieren“, mutiert er zu einem Sigmund Freud. Es sollte einleuchten, dass er damit nicht mehr physisch präsent ist. Wer bleibt ist Ikaros, der der Versuchung nicht widerstehen kann, seinen Übervater (Freud) „überflügeln“ zu wollen. Was ihm später symbolisch in der paralelen „Daidalos – Ikaros“ – Sage bildhaft zum Verhängnis wird.
Der Minotaurus-Komplex ist wie gesagt von außen nicht heilbar. Alles was Ikaros vom Minotaurus erfährt, ist eine Bestätigung des falschen Bildes, das er von ihm hat. „Macht ’nen Abflug, du und dein fossiler Über-Daddy! Ihr versprecht mir mich hier heraus zu bringen? Vermutlich am Nasenring eurer törichten Diagnosen! Daidalos, du magst aus der Geschichte mit Perdix ( https://de.wikipedia.org/wiki/Perdix_(Mythologie) irgend etwas gelernt haben, geändert hast du dich nicht!“, wird er irgendwann zu Ikaros und seinem Übervater sagen. Denn er hat längst durchschaut, dass die beiden ihn nicht um seiner selbst willen heilen wollen, sondern ihn lediglich zum „Funktionieren“ bringen wollen. Ein Tor der alles weiss und nichts versteht, war er lange genug selbst, schliesslich ist Daidalos wie bereits erwähnt, ebenfalls ein Persönlichkeitsanteil. Gewissermassen der eigene Daimon der Figur Minotaurus. Umso schlimmer noch; er wittert den narzistischen Missbrauch, den bereits sein Vater an ihm zu vollziehen getrachtet hatte! Weil er diesen vereitelt, wird die Gegenübertragung an ihm vollzogen. Der Neurotiker mit dem Minotaurus-Komplex mag sein, was er will. Er ist und bleibt ein „Königssohn“ (der er gar nicht sein will, sondern nur vollständig er selbst(!) , weil er erkannt hatte , daß sein Königvater in Wahrheit würdelos war ) und der, ohne es zu erkennen, mit den überzogenen Ansprüchen eines narzisstischen Übervaters, der diesen selbst nicht genügt, an sich selbst krankt. Mag sein Reich noch so trist und finster sein, er wird es verteidigen und jeden Eindringling mit unlauteren Absichten in seine Grenzen weisen. Seine letzte Bastion ist die persönliche Integrität.

Minotaurus_1

Les nuits de Minotaure 

70 70 x 50,  Acryl auf Karton
( Die Nächte des Minotaurus )

pinxit Gerd Hellmood, 2005 (Privatbesitz Dr.Peter B.)

Theseus-Minotaurus
Es wird nach und nach erkennbar, dass das Ganze auf das seltene Phänomen der Selbstheilung hinausläuft, zumal anders kaum eine Heilung möglich ist. Womit wir zu Ariadne und Theseus kommen. Ariadne ist im ganzen Mythos die einzige Person, die sich je für den Minotaurus eingesetzt hat. Sie ist also ein gesunder Persönlichkeitsanteil. Um es mit Carl Gustav Jung zu sagen: Sie ist die lichte Anima. Sie ist es, was den Minotaurus zumindest in der Erinnerung noch mit der Aussenwelt verbindet. In Salingers „Catcher In The Ray“ ist es die kleine Schwester Phoebe des Protagonisten Holden Caulfield. In eben diesem gesunden Persönlichkeitsanteil lebt auch die Vorstellung von einem gesunden Minotaurus, der da Theseus heisst. Dass Theseus allerdings nur eine Fiktion ist, geht aus der Version, welcher zufolge in Wahrheit Poseidon sein Erzeuger sei, hervor. Theseus wäre demnach ebenso eine „Schaum-Geburt“, wie der weiße Stier am Anfang des Mythos oder Aphrodite, die der Meeresgott aus de, durch Chronos Titan abgetrennten und ins Meer geworfenen Hoden des Uranos erschuf. Poseidon herrschte bekanntlich auch über das Reich der Phantasie. Theseus Heldentaten auf dem Weg nach Athen sind so gesehen „phantastische Abenteuer“ eines idealisierten Selbst, um es mit Karen Horneys Worten auszudrücken. Beinahe erscheint diese Figur wie durch einen Karl May erschaffenen und zum Helden aufgebaut. Gleichwohl ist er ein isolierter Teil des realen Selbst. Sein Vorbild ist, so will es der Mythos der antike Held Herkules. Mit Prometheus, der Licht ins Dunkel bringt, wäre er besser beraten. Das Problem des idealisierten Selbst ist seine Phantasie. Denn der Phantasie überlässt man sich. Doch ihre Schwester die Vorstellungskraft, ist dagegen ein geeignetes Werkzeug für die Arbeit im Dunkel. Ariadne gibt Theseus zwei Dinge, wie wir erfahren haben. Ein Wollknäuel und ein Schwert. Diese beiden Dinge sind als das „Sein oder nicht Sein“ Shakespeares Hamlet zu verstehen (Hamlet entschied sich, wie wir wissen für das Schwert).
Theseus-Minotaurus nimmt sie und steigt in sich selbst hinab. Bemerkenswerterweise werden in keiner, dem Autor bekannten Variante des Mythos, Tür oder Riegel, welche dem Unbefugten Zugang oder Ausgang verwehrten, erwähnt. Auch dies ist als Hinweis zu erkennen, dass es sich bei dem Labyrinth mehr um einen Zustand, denn um einen Ort handelt. Dass es als Örtlichkeit heute noch gesucht wird ( http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/sagenhaftes-ungeheuer-wo-der-schreckliche-minotaurus-wirklich-hauste-a-658413.html ) offenbart ein jahrtausendealtes Missverständnis und dürfte vergebliche Archäologenmühe sein. Eher fände man wohl den Anker der Arche Noah, irgendwo am Fuße des Berges Ararat.. Und wenn man schon dahin gelangt ist, von einem Zustand statt eines Ortes auszugehen, leuchtet es ein, dass es keine einmalige Handlung war, wenn es im Mythos heißt, dass Minos den aus seiner Sicht Mißratenen, eigenhändig mit Stockschlägen ins Labyrinth trieb, sondern dass diese Misshandlung über einen längeren Zeitraum an dem Kind vollzogen wurde. Merke: Wenn von Verstocktheit die Rede ist, war zumeist auch der Stock im Spiel! Die Wände des Labyrinths sind immateriell. Sie bestehen aus dem Phänomen, das als Dissotiation bekannt ist. Was wir vor uns haben ist mithin die Ätiologie einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung, wie sie 1992 von der us-amerikanischen Psychiaterin Judith Herman erstmals in der Neuzeit beschrieben wurde. Leider fand die von Frau Herman formulierte Erkrankung bis heute keinen Eingang in in die 43,-er Nummern des ICD 10 Codes, wo sie eigentlich hingehört. Stattdessen wird sie in chronifizierter Form unter F 62.0 und mithin unter Prsönlichkeitsstörungen geführt. Es erhärtet sich hier in jedem Falle also der Verdacht, dass wir es bei diesem Mythos mit einem psychologischen Fallbeispiel zu tun haben.

Theseus tötet den Minotaurus nicht und auch der ihn nicht. Er überwindet sich (bzw. den neurotischen Stolz seines neurotischen Selbst, (welches gemäss Freud, mit einem krankhaft rigiden Über-Ich behaftet ist) nicht einfach, sondern therapiert dieses, weil man ohne ein gesundes Über-Ich wie ein Einbeiniger unterwegs ist. Er findet eben nicht mit dem Leitfaden, den Daidalos Ariadne gegeben hatte hinaus, sondern mit der Kraft des zuversichtlichen Glaubens, dass es einen Weg gibt, überhaupt erst hinein. Er hat mehr geleistet, als Minos je hätte von ihm verlangen können. Den Weg hinaus begleitet ihn das geheilte Über-Ich (gesund ist nämlich, wenn das Über-Ich dem Selbst dient und nicht umgekehrt), es kennt ihn sogar im Stock-Dunkel (vergessen wir nicht – auch Daidalos, der Erbauer des Labyrinths, ist ein Persönlichkeits-Anteil, welchen wir jedoch besser als den Zugang zu etwas Grösserem, von ausserhalb unserer selbst kommendem betrachten sollten. Dem entspricht sinnbildlich, dass Daidalos kein Minoer war, sondern von woanders her kam). Der unmenschlichen Behandlung durch seinen Vater und dessen Frau, setzt Theseus-Minotaurus den grußlosen Abschied entgegen. Weder als Theseus noch als der, der er eigentlich war, bevor er durch die ungeheuerliche Unterstellung stigmatisiert wurde, kann er dem kretischen Volk gegenüber treten. Aufgrund der eigenen Denkfaulheit sähen die Menschen nämlich Hörner, wo keine sind; „Tatsächlich! Jetzt wo Sie es sagen und wenn man genau hinschaut..“. Ein sehr schönes Beispiel für dieses Phänomen findet sich in der psychologischen Literatur unter dem bereits erwähnten Begriff „Rosenhan Experiment“. Das schwarze Segel, das Aigeus (Theseus Vater) erblickt, ist der Nachthimmel. Ihm wird klar, dass er nur auf einen erfolgreichen Sohn wartet, um in dessen Ruhm zu erstrahlen. Weil er selbst nicht die Grösse hatte, musste Theseus diesen Weg für ihn gehen. Theseus-Minotaurus braucht einen solchen Vater nicht.

Mit dem Kranichtanz den Theseus anlässlich seiner Rückkehr aufführt und dessen Bedeutung bis heute im Unklaren liegt, überwindet er humoristisch den Impuls der neurotischen Rachsucht. Er veralbert das hilflose Geflatter des psychoanalytischen Zauberlehrlings Ikaros. Wenn einer seiner Nachfahren sich für einen Theseus hält, schmückt er sich nicht nur mit fremden Federn, sondern entlarvt sich beim narzisstischen Missbrauch, den schon Minos an seinem Sohn im Sinne hatte. Doch der verweigerte sich, wie nunmehr offensichtlich sein sollte.
Das Erste, was dem Labyrinth geopfert wurde, war des Minotaurus Selbst, welches nur wiederum selbst aus dem Dilemma herausfinden konnte. Über Theseus gibt es – wie bereits angedeutet, Legenden die „phantastische Abenteuer“ während seines Weges nach Athen kolportieren, doch  die wichtigste, eigentliche Heldentat, war das Durchschlagen der Böden der Boote der minoischen Flotte, die ihn nicht nur hätten verfolgen können sondern, die ihm die intriganten Verleumdungen, als damalige Nachrichten-Übermittler, hätten nachtragen können. Während die „Phantstischen Abenteuer“ als Produkte eines vom unreifen (kranken) Überich das Selbst, unerfüllbar idealisieren, stellt das Durchschlagen der Böden der Boote der Kreter die harte und reale Arbeit der vom Überich unabhängig gereiften Persönlichkeit dar – hier findet sich, frei nach Max Weber (Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich ) was notwendig zu tun ist.  Es geht bei diesem Zitat auch um das Durchbohren der Bretter, die Andere vor den Köpfen haben – notfalls um den Preis, ihre Argumente zu versenken. Aus eben dem  Grund, des Ausschlusses der üblen Nachrede, ließ er auch die Gefährten und selbst die verlobte Schwester Ariadne ( was ja auch dem Inzest-Tabu Folge leistet) auf Naxos zurück. Zwar findet sich, in (wohl späteren) Ausführungen des Mythos, dass Ariadne von einer höheren Macht(?) dem Weingott Dionysos versprochen war und Theseus sich deshalb mit Ariadnes jüngerer Schwester Phaidra zu begnügen hatte; doch erscheint dies irgendwie wie angehängt und aus Erklärungsnot konstruiert und letztlich der „Happy End-Sucht“, intellektuell durchschittlichem Publikums, konzediert. Wo, wenn nicht an einem allzu sehr ins Kraut geschossenen Bart, wäre Ockhams Rasiermesser besser anzusetzen? Doch was auch immer es zu bedeuten hat, so erkennen wir dennoch die Notwendigkeit einsamer Entscheidungen.

Fazit

Der Minotaurus  oder besser: ein Minotaurus (!) ist ein,  durch die eigene Sippschaft – vornehmlich die Eltern – gegenüber Geschwistern und Anverwandten , bis in die unmittelbare Umgebung und weitere Gesellschaft hinein – durch Verfemung und Diffamierung öffentlich als „vogelfrei“ stigmatisierter Mensch. Man kann einen Minotaurus auch schlicht mit dem althebräischen Sündenbock oder dem in der abendländisch, christlichen Kultur bekannten Phänomen des „schwarzen Schafes der Familie“ gleichstellen .

Möglicherweise blieb der Mythos so lange Zeit unentschlüsselt, weil er ein tabuisiertes Phänomen thematisiert, nämlich den schlimmen Fall, daß das größte Unglück das einem widerfahren kann,  in Form der eigenen Eltern auftritt.  Im Mythos vom Minotaurus nämlich durch König Minos und seine Gattin Pasiphae. Eine solche Interpretation steht dem Wertekanon der meisten Kulturen diametral gegenüber und soll – vor allem in den monotheistischen Religionen – durch entsprechende Gebote unterbunden werden.  So ist im Christentum, als auch im Judentum, eines der schwerwiegendsten Dilemmata des Betroffenen, am – durch die Untaten der eigenen Eltern – am Leben verhinderten Menschen, im religiösen Diktat des vierten Gebots auszumachen. Der Autor dieses Artikels denkt bereits geraume Zeit darüber nach, ob nicht der von Immanuel Kant höchst sinnvoll formulierte KATEGORISCHE IMPERATIV , letztlich besser in einen KATEGORISCHEN KONJUNKTIV abzuändern sei. Grundsätzlich würde  ein KATEGORISCHER IMPERATIV nur mit einem soliden, ethischen Fundament wirksam sein  können, zumal dessen, ihm zutiefst innewohnende Maxime, sich nämlich tatsächlich mit objektivem  Bewusstsein durch die Aktzeptanz des  „Das Eine ist das Eine; das Andere ist das Andere“ (kategorisch!) auszeichnet. Ein „Das Eine ist das Eine und das Andere ist das Andere“ ohne (!) ein solides ethisches Fundament, wäre hingegen nichts als der allgegenwärtige Utilitarismus! Insofern also der kategorische Imperativ sich (bedauernswerterweise und letztlich wohl aufgrund semantisch nicht eindeutiger Formulierung) nie durchsetzen konnte, muss festgestellt werden, dass allein die Formulierung „Imperativ“ (Sicherlich im Widerspruch  zu Kants ursprünglichem Ansinnen) nämlich von ihm selbst missverständlich verwendet wurde. Der Begriff Imperativ wäre besser durch Erfordernis, oder Notwendigkeit formuliert gewesen; wären denn die Gelehrten und Denker jener Zeit der deutschen Sprache nur halbwegs so mächtig gewesen, wie des Lateinischen oder Französischen. Sic! Eine Umformulierung in Kategorischer Konjunktiv, würde hingegen Jenen Überlebenschancen einräumen, die meist – gebotsgemäß notwehrgehemmt – zu spät erkennen müssen, daß Andere sich nicht an Gebote, wie beispielsweise  das achte, halten.

Zurück zum Minotauruskomplex: Opfern fortdauernder elterlicher Misshandlung (K- PTBS Typ II),  sei sie psychischer, physischer oder sexueller Natur gewesen – schiebt sich durch die Radikalität eines imperativen 4. Gebots lebenslang, immer und immer wieder, ein Stück Labyrinth-Mauer (Dissoziation) in den –  eigentlich freien – Weg. Das Tragische: Andere (nicht minder psychopathologische Mit(?)menschen wie es die eigenen Eltern bereits waren), wittern das Handycap der Betroffenen und nutzen diese Erkenntnis, der Wehrlosigkeit der betreffenden Person, zu ihrem eigenen Vorteil aus.

Daher besser: Du solltest Vater und Mutter ehren, so du denn kannst!

 

Nachwort

Was in dieser Deutung des Minotaurus-Mythos herausgearbeitet wurde, lässt sich natürlich ohne weiteres auf die gesellschaftliche Ebene und darüber hinaus schließlich auf die weltpolitische Situation übertragen. Dann allerdings wäre der Begriff Minotauruskomplex besser als Minotaurus-Prinzip zu bezeichnen. Die Vorgehensweise durch Verfemung, Diffamierung, Verleumdung, Hetze und Verteufelung jemanden zum Sündenbock zu machen, ähnelt frappant dem, was der Mythos im Kern eigentlich aussagt. Geschieht derlei durch die eigene Primärgruppe ( a priori Eltern ), setzt es sich unaufhaltsam fort; sei es in einer Hausgemeinschaft, in einer Schule, einer Dorfgemeinschft, der Gesellschaft schlechthin oder selbst auf staatlicher Ebene. Wenn andere Staatsoberhäupter in unseren öffentlichen und selbst öffentlich rechtlichen Medien als „Schlächter“ (Bashar al Assad) oder durch Vergleich mit einem „Hitler“ (Wladimir Putin) verleumdet werden, so ist jenen in der sogenannten Völkerfamilie keine andere Rolle, als die eines Minotaurus zugedacht. Wenn am russischen Staatsoberhaupt überhaupt etwas zu vermuten wäre, so könnte man vielleicht von einem „Peter der Große-Syndrom“ sprechen; womit definitiv nicht auf „Größenwahn“ hingewiesen sein soll, sondern auf das bereits jenem mißlungene Bestreben, einer sich selbst als moralisch, ethisch und vor allem in sonstiger Hinsicht, hochstehenden (aus eigener Sicht) und natürlich überlegenen westlichen Völkergemeinschaft (inzwischen zu „westlicher Wertegemeinschaft“ verballhornt) angehören zu wollen. Die aber haben nur eine Rolle an Aufnahmebegehrende zu vergeben, nämlich die des Sündenbocks (Jom Kippur).

EPILOG

Die Sufi wissen: Du musst gestorben sein, bevor du stirbst!

 

 

Copyright Gerd Hellmood

Empfohlene Lektüre:
Karen Horney
Neurose und menschliches Wachstum
Verlag Dietmar Klotz, ISBN 978-3-88074-485-1

Marie France Hirigoyen Die Masken der Niedertracht, dtv-Verlag

Peter A. Levine, Das Erwachen des Tigers, Verlag Synthesis

Aufrecht.net

Mervin Smutter

Stefan Zweig „Phantastische Nacht“

EFT

EMDR

TRE

 

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